Jast Gorsam – Ein Nachruf auf den Herzog der Nordmarken

Die Figur Jast Gorsam scheint in Spielerkreisen eine höchst umstrittene Person gewesen zu sein. Für mich war Jast Gorsam ein strenger und gerechter Landesvater, der sich durch eine tiefe Praiosgläubigkeit auszeichnete und der das Wohl seines Herzogtums häufig höher ansetzte, als das Wohlergehen des Kaiserreichs. Damit ist er ein Beispiel par excellence für den Partikularinteressen vertretenden Adel, welcher sich gegen den zentralistischen Machtapparat des Kaiserreiches bzw. des Hauses Gareth (erfolgreich) zu Wehr setzte.

Zwei Sichtweisen auf NSC im Rollenspiel

Wie aber entstand diese enorme Ablehnung auf die Person unter einigen Spielern? Ich denke, dass es auch hier – wie so oft – um unterschiedliche Geschmäcker und Spielweisen geht. Offenbar ist es so, dass nicht nur die fiktiven Spielercharaktere (oder „Helden“) sich mit dem zentralistischen Kaiserreich identifizieren, sondern auch deren Spieler. Damit ähneln sie in gewisser Hinsicht den Fans einer Fußballmannschaft, die auch auf einer „emotionaleren Ebene“ diskutieren und den Sieg der eigenen Mannschaft sicher einem „spannenden“ Fußballspiel mit ungewissen Ausgang vorziehen.

Andere dagegen betrachten das Geflecht aus Settings, Plots und NSC rein nach dem spielerischen Nutzen oder den rollenspielerischen Möglichkeiten, die daraus erwachsen. Bei einer Änderung dieses Gefüges stellen sie die Frage, welche neuen Settings, Hooks oder Plots dadurch ermöglicht werden sollen.

Meine Sichtweise auf den Herzog der Nordmarken

Bei meiner Sympathie für Jast Gorsam ging es mir nie primär um die Schwächung des Kaiserreiches – obwohl mir der Partikularismus Jasts wohlbekannt war – vielmehr empfand ich ihn und die starke Stellung der Nordmarken für eine Bereicherung der Spielwelt. Sie machten das sonst recht übersichtliche politische Parkett erst interessant.

Er stand für eine eigenständig handelnde Fürstenopposition (vielleicht in Anlehnung an das HRRDN). Gerade seine Frömmigkeit, sein Gerechtigkeitssinn und seine Verbundenheit zur nordmärkischen Heimat machten die Figur zu einem vielschichtigen Charakter, den man nur schwerlich in die Kategorie „gut“ und „böse“ einteilen konnte.

Die andere Sichtweise – Ein starkes zentralistisches Mittelreich

Die von mir abweichende Sichtweise fußt darauf, dem Mittelreich, das sich bis in jüngste Zeit in einer Schwächephase befand, einen Aufstieg zu bereiten. Wer ein möglichst starkes Mittelreich will, wird immer eigenständige – oder gar intrigante – Fürsten ablehnen.

Ebenso fordert diese Seite mit Vehemenz eine Rückeroberung ehemaliger mittelreichischer Gebiete (zu welchem Spielnutzen?). Die ersehnte Restauration des Kaiserreichs geschieht auf Kosten von Plotmöglichkeiten und Settings, da sie selbst das Primärziel darstellt und sich diesem Ziel offenbar alles unterordnet. Ich muss zu diesem Schluss kommen, da das Gutheißen des konsequenten Ausschaltens zahlloser Konfliktherde und Opposition in den letzten Jahren keinen Kompromiss mehr erkennen lässt.

Der Weg der Redaktion

Beide Sichtweisen werden nur schwerlich von offizieller Seite bedient werden können. Wenn noch in „Herz des Reiches“ eine partikularistische Gemengelage mit einer schwachen Zentralgewalt und neuen Settings wie den Taifas im Yaquirbruch oder den Kriegsfürsten in der Wildermark beschrieben wurde, hat sich dies nach zahlreichen Veröffentlichungen geändert. Nachdem die Kriegsfürsten, Selindian Hal, Invher ni Bennain, Tilldan von Nebelstein und Jast Gorsam erledigt wurden, existiert de facto keine nennenswerte Opposition mehr im Mittelreich. Die Versprechungen aus der Ochsenbluter Urkunde, dem Ende des Fehdeverbots und der Auflösung zentralistischer Organisationen wie der KGIA wurden nicht eingelöst. Die Gründe, die zu diesem überstürzten Sinneswandel führten, bleiben mir unklar.

Eine Lanze für Jast Gorsam

Jast Gorsam war derjenige, der nach der verheerenden Schlacht auf dem Mythraelsfeld, das Mittelreich als Reichsregent zusammenhielt. Er führte Krieg gegen das nach Unabhängigkeit strebende Albernia und überließ ohne Wenn und Aber der zurückgekehrten Rohaja die Regentschaft und Kaiserwürde. Nach der Krönung Rohajas und Selindians nutzte er den Konflikt der Geschwister nicht zu seinen Gunsten aus. Er paktierte nicht mit Selindian, selbst wenn das das Ende Rohajas bedeutet hätte… so schlecht scheint Jast Gorsam also gar nicht gewesen zu sein. Auch strebte er nicht wie Invher nach einer Sezession vom Reich sondern schlicht nach mehr Macht (so wie die meisten aller Menschen). Dass er ausgerechnet in einem aus dem Hut gezauberten Attentat starb, ohne dass irgendein Sinn für diese Tat erkenntlich wäre oder sie neue Perspektiven eröffnen würde, ist leider nur zu bezeichnend.

Und wieder versinkt die mittelreichische Politik in einen Dornröschenschlaf, aus der sie wohl nie mehr geweckt wird.

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4 Kommentare zu “Jast Gorsam – Ein Nachruf auf den Herzog der Nordmarken

  1. Ich war von den Anfängen von DSA an ein Fan von Invher und Emer. Man könnte sagen, ich habe ihre aventurische Entwicklung von Kindesbeinen an verfolgt. Meine ersten Abenteuer haben dann auch in Havena gespielt.
    Bei dem Intrigenkrieg der Nordmarken gegen Albernia schlug ich mich klarerweise auf die Seiten Albernias.
    Jast Gorsam war für ich von da an ein Staatsverräter. Und so habe ich ihn als SL in ‚meinem‘ Aventurien dann auch rübergebracht.
    So kam es dann auch, daß in unserer Runde Jast Gorsam schon am Ende des JdF das zeitliche segnete.
    Es war für die Helden meiner Spieler ein Fest, den Staatsverräter im Auftrag der in ihren Augen einzigen Kaiserin und legitimen Herrscherin Rohaja zu liquidieren.

  2. Pingback: Aus dem Limbus: 2. Adventsausgabe | Nandurion

  3. Gegen Jast selbst hatte ich auch nichts. Er war als Gegner von Rohajas Alleinherrschaft und Intrigant ein Abenteuergarant und ein schöner Stereotyp. Im Albernia-Nordmarken-Konflikt war er allerdings für mich der Böse, und die Auflehnung Invhers legitim. Das Banner als unliebsamer NSC hat aber dann sowieso Isora übernommen, und Jast konnte sich klammheimlich aus der Affäre stehlen, obwohl seine Machtgeilheit den Konflikt erst auslöse (aus meiner Sicht).

    Insofern: ja, dass er in Dues-Ex-Machina-Manier abserviert wurde (wie viele andere – kotz) war ein Versagen der Redaktion – sowohl durch das Wie, als auch das Warum. Er war DER Intrigengarant im Mittelreich, für das etwas „rustikalere“ Intrigenspiel, wenn man das Horasreich nicht mag.

  4. „Ich habe es geliebt ihn zu hassen.“
    Das fasst meine Meinung zu Jast ganz gut zusammen. Jast Gorsam war ein widerwärtiger, egonzentrischer, intriganter und grausam unerbittlicher Drecksack. Und das war gut so. Abgesehen vom JdF Drama habe ich es gemocht das er eine sehr erfrischende Art und Weise hatte im Mittelreich in der Politik mitzumischen.
    Beim Rest kann ich mit dem autor nicht übereinstimmen. Da wo er z.B: „Die Gründe, die zu diesem überstürzten Sinneswandel führten, bleiben mir unklar.“ schreibt, sehe ich sie als das einzige was DSA gerettet hat. Das es auch Abenteuer gibt die zu einem Erfolg führen, nicht immer nur zum Zerfall oder Bestenfalls mal zu Retten der letzten Linie. Ohne ein Aufbauprogramm, ohne auch den einen anständigen „Guten“ könnte sich die Redaktion wohl noch selbst mit Grauturien beschäftigen, ohne das es noch viele Spielerinnen interessieren würde (Meine Meinung).

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