Aventurien – Die Zukunft des Mittelreiches – Teil 2

Wie im ersten Teil angekündigt folgt der zweite Teil meiner Serie zur Zukunft des Mittelreiches und der Analyse der gegenwärtigen Situation.

Dieses Mal möchte ich mich auf die Entwicklungen der letzten Jahre (1028 BF bis 1035 BF) konzentrieren, ausgehend vom Zustand des Mittelreiches nach dem Ende des Jahres des Feuers mit der Schlacht der drei Kaiser vor den Toren Gareths.

Meine These hierbei ist, dass der Wiederaufstieg des Mittelreiches in einer rasend schnellen Geschwindigkeit vor sich ging, bedenkt man die Zerstörungen, das Chaos und die divergierenden Interessenlagen im Mittelreich nach dem JdF. Er wirkt deshalb unglaubhaft, überstürzt und gekünstelt und bietet oftmals keinen Mehrwert für die Spielwelt.

Die Situation 1028 BF

Die Ausgangslage nach dem JdF war nahezu perfekt, um die Etablierung von einigen unabhängigen Staaten auf dem Gebiet des Mittelreiches zu erreichen bzw. dauerhaft die Zentralgewalt zu schwächen. Man hatte in Almada einen Gegenkaiser sitzen, in Albernia eine nach Unabhängigkeit strebende Fürstin, in Greifenfurt eine orkische Kabale, im ehemaligen Darpatien zahlreiche Kriegsfürsten, die Praios-Kirche befand sich auf der Quanionsqueste, die Schwarzen Lande waren noch halbwegs stark (vor „Der Unersättliche“, „Donner und Sturm“ und „Posaunenhall“) und banden Truppen, in den Nordmarken regierte ein seiner eigenen Agenda folgender Jast Gorsam. Es bot sich also die einmalige Chance ein vielschichtigeres, spannenderes Setting zu etablieren, bei der es (mit einigen Ausnahmen) nicht mehr eine so strikte Unterscheidung zwischen Gut (=Mittelreich) und Böse (=Schwarze Lande) gibt. Und bei der man nicht mehr den großen Hammer hervorholen müsste, um Übermacht, Dominanz und zentralistische Strukturen zu pulverisieren.

Aber man hat all das nun innerhalb von nur sieben irdischen Jahren zurück gedreht. Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum.

Die Entwicklung bis 1035 BF

Sehen wir uns mal die Entwicklung im Mittelreich zwischen 1028 und 1035 BF genauer an:

  • Bürgerkrieg in Albernia wurde beendet, ohne dass ein begleitendes Abenteuer hierfür erschienen wäre. Invher ni Bennain verbringt den Rest ihrer Jahre verbannt in einem Kloster. Das Land steht wieder unter die Kontrolle des Mittelreiches bzw. Rohajas.
  • Die Grafschaft Misamund und die Stadt Ilsur werden erobert, Xeraan stirbt.
  • Warunk wird befreit, der Nekromantenrat vertrieben.
  • Die Sonnenmark kann nicht nur den Belagerungsring um Beilunk sprengen, sondern erobert in der Folge große Gebiete in der Nachbarschaft.
  • Die Golgariten können immer wieder tief in die Warunkei vordringen, die ab 1035 BF zur neuen Wildermark wird.
  • Die Quanionsqueste wurde beendet und das Ewige Licht wiedergefunden.
  • Das Gegenkaisertum Selindian Hals wurde beendet, Almada ist wieder unter Kontrolle Rohajas.
  • Wildermark ist befreit und befriedet und mit der ehemaligen Traviamark zur Markgrafschaft Rommilys zusammengeschlossen.
  • Jast Gorsam, der einzige innenpolitische Gegenspieler Rohajas, wurde ermordet. Ein ähnliches Schwergewicht mit eigener Agenda auf Fürstenebene hat man nicht aufgebaut hat.
  • Die Verschwörung in der Greifenmark wurde ausgehoben (siehe „Ein Stein im Nebel“).
  • Wehrheim wird wieder aufgebaut. Die dämonische Saat Balphemors in der Wildermark scheint plötzlich verschwunden zu sein.
  • Reste der Fliegenden Festung in Gareth wurden beseitigt (siehe Gareth-Box), ein Grund für den Reisenden Kaiserhof ist damit obsolet. Die anderen Gründe für das Reisekaisertum, nämlich das Kontern von fürstlichen Partikularinteressen und Eingreifen bzw. Schlichten von Fehden, sind ebenso nicht mehr aktuell (s.u.).
  • Die einzige Fehde im Mittelreich, die Natterndorner Fehde, ist beendet (siehe „Mit Wehenden Bannern“). Trotz der damals so heiß diskutierten Ochsenbluter Urkunde ereignen sich seit ihrem Inkrafttreten keine Fehden (und die Natterndorner Fehde begann bereits vor der Ochsenbluter Urkunde). Dabei war das doch eines der Ziele des JdF und der Ochsenbluter Urkunde, endlich kleinere Konflikte im Mittelreich zu erleben, ohne dass man sofort eine riesige Fläche verwüstet oder dämonisiert.
  • Der Yaquirbruch / die Südpforte wird wieder befriedet und Bestandteil des Mittelreiches (das entsprechende Abenteuer ist bereits von Ulisses angekündigt), obwohl Gegenkaiser Selindian Hal an dieser Grenze 1029 BF den Frieden mit dem Horasreich gebrochen hatte, um die Grafenwürde von Bomed für eine seiner Gefolgsleute, Josmina von Bregelsaum, zu sichern. Die Almadaner konnten schließlich unter hohen Opfern in der Schlacht von Morte Folnor zurückgeschlagen werden.
  • Rohaja feiert eine Traumhochzeit mit Rondrigan (hier hätte man sich auch spannendere Partnerschaften ausdenken können) und stärkt durch laufend eingefahrene Siege ihr Profil als „Heldenkaiserin“. Ihr Charakterentwickung ist weder geplant noch spannend. Bislang unthematisiert bleiben ihre mögliche Unfruchtbarkeit (durch einen Knochensplitter Rhazzazors), ihr uneheliches Kind mit Eslam von Eslamsbad oder der angebliche Lolgramoth-Fluch von Asmodeus.
  • Selbst die KGIA gibt es de facto noch (oder wieder)
  • Es ist anzunehmen, dass die angekündigte Aktion Helme Haffax‘ gegen das Mittelreich scheitern wird, er den Tod finden wird und in Folge auch die letzten Reste der Schattenlande in sich zusammenstürzen.

Das Mittelreich ist wieder einmal der strahlende Sieger und besitzt somit keine äußeren Feinde mehr, die ihm gefährlich werden könnten. Andere Staaten dürfen dagegen keine Erfolge feiern.

Der Blick jenseits des Mittelreichs

Das Orkreich verharrt seit Jahren in Stasis, sonst hätte der Aikar Brazoragh das Chaos des Jahrs des Feuers ausgenutzt und endlich die Finstermark mit dem alten Tairach-Heiligtum in Greifenfurt oder den Brazoragh-heiligen Blautann in Weiden erobert. Einen namhaften Kollaborateur hatte der Aikar ja zusätzlich auch noch in Greifenfurt installiert. Hier wird scheinbar durch Autorenwillkür eine logische Entwicklung verhindert, denn wann wenn nicht 1027/1028 BF wäre ein Vorstoß gegen das Mittelreich erfolgversprechender gewesen? Orks werden außerdem grundsätzlich auf die genau selbe „Grenzlinie“ zurückgedrängt wie vor ihrem Angriff (so geschehen beim Dritten und beim Vierten Orkensturm), was ebenso wenig glaubhaft ist.

Das Horasreich gewinnt zwar die Seeschlacht von Phrygaios kann aber ebenso wenig daraus Erfolge erzielen, wie aus dem zurückgeschlagenen Angriffs Selindian Hals. Im Gegenteil man verliert den „Verbündeten“ Sylla an das Alanfanische Imperium. Der angebliche technologische Vorsprung oder modernere Truppen haben scheinbar keinen Einfluss auf tatsächliche machtpolitische Verschiebungen.

Was bringt die Zukunft?

Was passiert nach dem Krieg gegen die Heptarchen? Wird es einen neuen Krieg gegen „Anwinisten“ geben? Einen neuen (also dann den dritten) Orkensturm innerhalb eines Menschenlebens? Wohl kaum. Deswegen bin ich mir mittlerweile sicher, dass die Initiatoren des JdF die nachhaltige und nachvollziehbare Entwicklung Aventuriens – besonders in der Zeit nach dem bevorstehenden Ende der Schattenlande – im Blick hatten, und dass ihre Ideen oder ihr „Vermächtnis“ nur nicht konsequent fortgeführt wurden. Stattdessen wurden zahlreiche Ergebnisse des JdF übereilt weggeschrieben, ohne Ersatz zu schaffen und ohne ihre Folgen genau evaluiert zu haben. Konventionelle Konflikte (die von Spionage und Sabotage über Intrigen bis zu einem Krieg reichen können) in einem kleineren Rahmen stellen eine Möglichkeit dar, um die dynamische Entwicklung des Kontinents voranzutreiben und gleichzeitig sowohl Plausibilität und Spannung in Einklang zu bringen, ohne wieder zu einem Heer aus Untoten, Dämonen und hochmagischen Artefakten zu greifen. Woher werden die neuen Gegner kommen? Und was wird ihre Motivation sein? In keiner offiziellen Publikation gibt es irgendwelche Anzeichen hierzu.

Fazit

Es ist offensichtlich, dass viele Autoren die angeblich neuen Möglichkeiten seit 2005 nicht annehmen wollen und sie deshalb auch nicht umsetzen. Einen guten Einblick in die aktuelle Richtung, die die Verantwortlichen in Bezug auf das Mittelreich eingeschlagen haben, ist die plötzliche Entsorgung Jast Gorsams. Wenn man wirklich eine innere Opposition schaffen will mit Fürsten, die ihre eigene Agenda verfolgen, dann sägt man doch nicht die einzige Figur, die wirklich Rohaja contra geben könnte ab (und hat dann nicht mal einen adäquaten Ersatz am Start). Wurde Jast gar nur ad acta gelegt, weil manche Spieler mittelreichischer Helden seinen Tod immer wieder lautstark in einschlägigen Foren forderten? Auch andere Gegenspieler Rohajas handelten diplomatisch keineswegs sonderlich inteligent, sei es nun Selindian Hal, Invher ni Bennain oder Helme Haffax. Alles nur um Rohaja in einem noch strahlenderen Licht darzustellen?

Es folgen in den nächsten Wochen noch weitere Beiträge zu diesem Thema, die einen anderen Aspekt näher beleuchten.

Advertisements

7 Kommentare zu “Aventurien – Die Zukunft des Mittelreiches – Teil 2

  1. Ich stimme der These nicht zu.

    Zwischen 1028 BF und 1035 BF liegen sieben Jahr – das ist viel Zeit, um zerstörtes wieder aufzubauen. Zudem waren die Zerstörungen nicht so gewaltig. Wehrheim wurde zerstört, Gareth und Rommilys geringfügig beschädigt und die Wildermark verheert. Galotta kam aber nur bis Gareth. Almada, Kosch, Albernia, Nordmarken und Windhag haben Galottas Truppen nie zu Gesicht bekommen. Weiden, Weißtobrien, Greifenfurt und Garetien nur am Rande. 1035 BF ist Wehrheim immer noch zerstört und die Rommilyser Mark wurde eben erst gegründet. Bis da alle Spuren der Kriegsfürsten beseitigt sind, wird es noch einige Zeit dauern.

    Eine Anmerkung zu den Golgariten. Es stimmt, dass sie immer wieder in die Warunkei vordringen konnten, umgekehrt konnten aus der Warunkei aber auch immer wieder Söldnerhaufen in die Wildermark vordringen.

    Für das Ende des Reisekaisertums gibt es noch einen anderen Grund: in Elenvina wurde eine komplett neue Reichsverwaltung aus dem Boden gestampft. Da läge es nahe, wenn Rohaja künftig dort residierte.

    Ich würde das Mittelreich nicht als strahlenden Sieger ansehen. Maraskan, Warunkei, Schwarztobrien und Aranien sind auf unabsehbare Zeit kein Teil des Reiches. Die Truppenmacht liegt inzwischen bei den Provinzen, nicht bei der Kaiserin. Zudem ist die Thronfolge nicht geregelt. Rohaja hat noch keine legitimen Kinder, so dass als nächstes Yppolita in der Thronfolge stünde – eine Frau und Magierin. Das wird niemand akzeptieren. Yppolita hat auch keine Kinder, Selindian hat ebenfalls keine Kinder hinterlassen und somit ginge die Krone vermutlich an das Haus Rabenmund – dessen verräterischer Answin ist ja wohl noch bekannt.

    Aventurien ist eine Welt, die als Spielhintergrund für Abenteuer dient. Die Mehrzahl der bisher erschienenen Abenteuer sind übrigens unpolitisch, d.h. für die ist es völlig egal, ob es ein Mittelreich, ein Sammelsurium unabhängiger mittelreichischer Provinzen gibt oder sonst was.

    Ich mache mir keine Sorgen, dass es in Aventurien mal keine Auseinandersetzungen geben wird. Nach dem Endes des Kalten Krieges wurde mal das Ende der Geschichte ausgerufen, aber das war wohl voreilig. Und dass nicht alles stromlinienförmig verläuft, ist überaus irdisch.

    • Yppolita kann doch gar nicht Kaiserin werden, sie ist von der Thronfolge ausgeschlossen. So wie seit den Magierkriegen alle Magiebegabten. Oder sehe ich das falsch? Diese Regelung hat doch bestimmt sogar einen eigenen Namen… 🙂

      Wer wäre denn dann in der Thronfolge der nächste?

  2. Ich fand auch schade, dass das Konstrukt Kaiser-Gegenkaiser-Reichsregent „revaltiv“ schnell weggefallen ist.
    Und für Albernia hätte ich mir auch ein schöneres Ende gewünscht.
    Geärgert hat mich das plötzliche spurlose Verschwinden der Untotenpräsenz in der Warunkei.

    Ich betrachte Aventurien als Spielfeld. Etwas Kontinuität (wie die „feste Grenze“ zu den Orks) finde ich wichtig, auch wenn es nicht realistisch ist. Aber das einige interessante Setting ersatzlos gestrichen wurden, hat mich auch enttäuscht.
    Ich erwarte von Aventurien nicht, dass es logisch ist, aber dass es mir eine große Vielfalt bietet. Und an der Front wurden mir einige Enden zu radikal gekappt.

    Trotzdem finde ich ein Pauschalschlag gegen alle Autoren etwas überzogen.

  3. „Auch andere Gegenspieler Rohajas handelten diplomatisch keineswegs sonderlich inteligent, sei es nun Selindian Hal, Invher ni Bennain oder Helme Haffax. Alles nur um Rohaja in einem noch strahlenderen Licht darzustellen?“

    Ehrlich gesagt, kann ich solcher Art Ausführung langsam nicht mehr hören.

    Klar hätte Invher sich politisch geschickter verhalten können, aber aus ihrer Vita ging eher hervor, dass sie eine stolze, geradlinige Kriegerin statt eine gewiefte Politikerin ist.

    Selindian war ein von Höflingen und Visionen Geblendeter. Wäre es also inneraventurisch logisch gewesen, dass er plötzlich total weitsichtig und objektiv die Lage erfassen und lösen hätte sollen? Auch hier war die Persönlichkeit Selindians einfach anders konzipiert worden.

    Und Haffax hätte genau wie intelligenter handeln sollen? Er hat bereits soviel erreicht und will einen großen letzten Krieg haben. Hätte er also keine Ankündigung geben sollen? Seine Handlung ist in Bezug auf seine persönliche Entwicklung für mich absolut nachvollziehbar.

    Es wird immer so getan, als ob die NSCs die Lage logisch objektiv und geschickt erfassen müssten. Dabei wird die persönliche Entwicklung der jeweiligen Charaktere einfach außer Acht gelassen.

  4. Eine kleine Anmerkung, ich stimme sonst dem Text im Großen und Ganzen zu:

    Nach dem dritten Orkensturm wurden die Orks eben nicht auf die gleiche Grenzlinie zurückgedrängt. Sie haben seitdem das Svelltland weitgehend unterjocht, was ja auch ein interesanntes Setting hergibt.

  5. Es wird hier an mehreren Stellen postuliert, dass es eine logische und nachvollziehbare Entwicklung geben müsse.
    Diese Entwicklung erscheint uns, in die Geschichte schauenden Betrachter, nur in der Revision so.
    So gut wie keine irdisch politische Entwicklung ist auf irgendeine Weise logisch oder nachvollziehbar, sondern immer von subjektivem Empfinden, persönlichen Animositäten, Desinformation, Desinteresse, Sympathie, Faulheit und vor allem Dummheit und Gier uvm zurückzuführen. Logik in der geschichtlichen Entwicklung… selten so gelacht…

    • @ 3lric

      Deine Aussage würde die gesamte Geschichtswissenschaft ad absurdum führen. Sie ist also schlicht falsch, da – betrachtet man die großen Zusammenhänge – immer bestimmte vorherrschende Strömungen erkennen konnte und man von Antagonismen (Stichwort „kollektives Gedächtnis eines Volkes“) und von psychologischen Mustern bestimmter Führungspersonen ausgehen kann.

      Für dich ist Geschichtswissenschaft offenbar nur das „Auswendiglernen“ bestimmter Daten, ohne irgendwelche Schlüsse und Ableitungen ziehen zu können. Damit irrst du dich sehr.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s